Arbeit – Sinn des Lebens?

Tobias HohmannBlog, Wissenswertes

Arbeit ist ein elementarer Bestandteil unseres Lebens. Grund genug sich einmal mehr mit dem Thema „Arbeit“ zu befassen.

Interview mit Paul Ariès

Wer arbeitet gilt als leistungsfähig und ist gesellschaftlich anerkannt. Was passiert aber, wenn uns die Sinnhaftigkeit von Arbeit abhandenkommt oder die Arbeit uns krank macht? Was bedeutet eigentlich „Arbeit“ und welche Konsequenzen hätte ein Grundeinkommen? In einer Diskussionsrunde antwortet der französische Politologe Paul Ariès auf Fragen zur Sinnhaftigkeit von Arbeit. Eine Ansicht, die zum Nachdenken anregen darf.

Herr Ariès, sind wir für die Arbeit geschaffen?

Die Arbeit ermüdet uns, also sind wir offensichtlich nicht für die Arbeit geschaffen. *Er lacht*. Halten wir ernsthafter Weise also einmal fest, dass die Geschichte der Arbeit die Geschichte einer Beraubung ist: Als erstes hat man die Arbeiter ihres Werkzeugs beraubt. Dann eines Teils der Mehrarbeit – des Profits. Anschließend der Kultur – also der traditionellen Kenntnisse. Und heute möchte man sie auch noch des Sinns der Arbeit berauben. Zwei Zahlen sind interessant: 75% der Beschäftigten geben an, nicht wirklich den Nutzen dessen was sie produzieren zu kennen und 80 % , dass sie sich bei der Arbeit langweilen.

 

Sie sagen, dass Arbeit ermüdend aber auch bereichernd sein kann?

Ich würde sagen das Wort „Arbeit“, ist genauso wie das Wort „Produktion“ und „Konsum“ ein vergiftetes Wort, dass das Denken behindert. Wenn wir von Arbeit reden, reden wir dann von einer schöpferischen Arbeit oder reden wir von Optimierung, einer Art Pflicht des Lächelns der Angestellten, wie bei den Kassiererinnen im Supermarkt. Ist diese Art von Arbeit für die Gesellschaft nützlich oder eher schädlich? Wir müssen unbedingt unsere Vorstellungskraft entkolonialisieren, diese großen Wörter abschaffen, die uns davon abhalten uns die wahren Fragen zu stellen. Wie arbeiten wir, um was herzustellen? Und welches gesellschaftliche Bedürfnis ist dabei zu befriedigen?

 

Sie verbinden das Wort „Arbeit“ nicht mit persönlicher Entfaltung Bereicherung oder einem Können?

In dem Fall lehrt uns auch die Geschichte zwischen dem was man früher das Werk – die Schöpfung – nannte und der mühevollen Arbeit zu unterscheiden. Wenn man eine Tätigkeit hat die emanzipiert, die die Intelligenz weckt, dann stimme ich zu. Man kann heutzutage nicht die Frage nach der Arbeit stellen ohne auch die Frage nach der Umweltsituation zu stellen d.h. muss man immer noch mehr produzieren, immer noch mehr arbeiten oder müssen wir im Gegenteil lernen, genügsamer zu leben also auch etwas anderes zu machen als zu arbeiten? Das Recht auf Freizeit, das Recht auf Faulheit, scheint mir eine durchaus interessante Alternative zu sein.

 

Ist Ihre Ansicht von der Arbeit – nämlich einer mühevollen Arbeit – marxistisch?

Nicht unbedingt. Ich glaube sogar, so sehr traditionell der Marxismus die Ausbeutung bei der Arbeit kritisiert hat, so sehr hat er relativ wenig über die Zentralität der Arbeit gesagt. Dabei muss heute Schluss gemacht werden mit der starren Vorstellung, dass die Arbeit im Mittelpunkt unseres Daseins steht. Deshalb müssen wir heute nicht eine größere Kaufkraft fordern, sondern ein garantiertes Einkommen, d.h. jeder darf genügsam aber abgesichert leben und dank dieses garantierten Einkommens, können wir die anderen Facetten unserer Persönlichkeit entwickeln. Wir können wieder Dichter werden, Staatsbürger, Liebhaber und Geliebte. Es gibt doch andere Dinge im Leben zu tun, als ein Sklave der Arbeit und ein Sklave des Konsums zu sein.

 

Mal ehrlich – ist das nicht vollkommen utopisch? Ein garantiertes Einkommen für alle? Eine Gesellschaft ohne Arbeit?

Man hat ausgerechnet, dass man jedem den garantierten Mindestlohn geben könnte. Das ist eine politische Entscheidung. Und ich würde sagen, dieses garantierte Einkommen müsste an ein zugelassenes Höchsteinkommen gekoppelt sein. Das Steuerlimit sollte nicht bei 50 % enden, alles darüber hinaus sollte komplett einbehalten werden. Damit wird der zentrale Platz von Arbeit in Frage gestellt. An diesem zentralen Platz zu rütteln, ist wirklich eine anthropologische Revolution. Wenn man von Arbeit redet, gibt es heute zwei Realitäten. Die Arbeit, die gesellschaftlich nützlich sein kann, die muss man verteidigen. Und wenn es ein garantiertes Einkommen gibt, dann ist das nicht das Ende der Arbeit, sondern das Ende der entfremdeten Arbeit. Man hält die Leute heute um jeden Preis in einer Arbeit, weil es eine Art moralisches Gebot ist. Ein Obdachloser, der eine kostenlose Zeitschrift verkauft beruhigt die Gesellschaft. Anstatt falsche Arbeitsplätze zu schaffen, zahllose unsinnige Praktika zu machen oder den Schulbesuch der zu nichts führt zu verlängern, sollte man lieber die Vorstellungskraft entwickeln und die Arbeit nicht mehr zum Mittelpunkt unseres Daseins machen, sondern lieber die Politik, die Dichtung usw.

 

Aber wir brauchen die Arbeit. Die Ärzte, die Krankenschwestern, die Bäcker usw.? Was wenn diese Menschen weniger arbeiten?

Natürlich kann man nicht in den Kategorien „alles oder nichts“ denken. Und Integralismus kann es überall geben. Ein Slogan wie: „Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen“ ist ebenso so integralistisch wie der Unsere: „Weniger Waren, mehr Freundschaft wahren“. Letztendlich muss eine globale Diagnose erstellt werden. Es genügt da zwei Zahlen zu nennen. Man weiß dass heute 20% der Menschheit – zu der wir gehören – 86 % der Ressourcen auf dem Planeten für sich vereinnahmen. Wenn 6 Milliarden Menschen so leben würden wie wir, würde ein Planet nicht ausreichen. Wir müssen also die Illusion einer Gesellschaft im Überfluss und diesen Kult der Arbeit beenden.

 

Aber auch wenn es diese Ungleichheiten gibt, so hat die Überschussgesellschaft uns doch eine höhere Lebenserwartung verschafft. Wir leben besser als noch vor zwei oder drei Jahrhunderten. Der Mensch hat doch schon immer gearbeitet. Zu sagen, er soll nun weniger arbeiten, dass ist doch ein richtiger Bruch?

Also ein Bruch ist das gar nicht. Im Mittelalter zum Beispiel gab es 150 Tage im Jahr an denen nicht gearbeitet wurde. Und die Arbeit in den traditionellen Gesellschaften war immer an eine andere Dimension gekoppelt. Die Mönche zum Beispiel: Sie arbeiteten aber ihr Ziel war es Gott ebenbürtig zu sein. Es gab also eine Zweckbestimmtheit. Heute hat die Arbeit ihren Bezug zum Alltag verloren, denn warum arbeiten wir denn? Schlicht und einfach um eine Kaufkraft zu haben. Angesichts einer Debatte z. B. Mobbing am Arbeitsplatz, dieser schon wirklichen Gewalt, die sich durch die neuen Arten des Managements entwickelt. All das beenden wir nicht, wenn wir uns nicht gleichzeitig weigern Sklaven des Konsums zu sein.

 

Ich nehme an Sie lieben ihren Beruf und bezeichnen ihn nicht als mühevolle Arbeit?

Da besteht ein riesiger Unterschied zwischen der Tatsache Aktivitäten auszuüben und schlicht und einfach seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen.

 

Also gewählte Arbeit keine erduldete Arbeit?

Ja genau! Man kann dem Kapitalismus alles vorhalten aber es ist eine teuflisch effiziente Gesellschaftsform. Erstens weil er Begehren weckt und auf Konsumausgerichtet ist, zweitens weil er verunsichert. Er zerstört die kollektiven und individuellen Identitäten. Und andererseits sieht man heute dass er auch Unbeständigkeit und Flexibilität entwickelt. Aber auch Freiheit – unternehmerische Freiheit. Sicher entwickelt er einen Teil der Freiheit. Ich glaube dass die Ware – die Erfindung des „zu Ware machens“ – historisch essentiell war und viel Positives gebracht hat. Aber heute ist ein Umsturz notwendig. Wir müssen heraus aus dieser Gesellschaft – die eigentlich nur wenige Jahrhunderte alt ist – und hinkommen zu einer neuen Art der Gesellschaft…

Ende des Interviews

Wie sieht es bei Ihnen aus?

1) Welchen Stellenwert hat die „Arbeit“ in Ihrem Leben?
2) Worin liegt Ihr ganz persönlicher Sinn von Arbeit?
3) Was halten Sie persönlich vom Inhalt dieses Interviews?
Die Antworten sind so individuell wie Sie selbst… Horchen Sie in sich hinein!